Wie kann man denn nur…

„Wie kann man denn nur….“
Eines Tages, ich lernte schon fast 2 Jahre Gewaltfreie Kommunikation, erwischte ich mich auf dem Heimweg bei inneren Selbstgesprächen:
„Wie kann man denn nur sein Haus an so eine verkehrsreiche Straße bauen. Vorn der Straßenverkehr hinten der Eisenbahnverkehr. Die müssen doch gar keine Ohren haben. Da bekommt man ja einen Knall und ist dem Krach völlig ausgeliefert.“
Oder: „Oh Gott ist die aber dick. Da ist ja wie ständiges Gewichtheben. Wie das ihr Körper wohl aushält? Kann sich kaum noch bewegen. Bloß gut, dass ich nicht so viel mit mir rumschleppe“

Was ist denn das? Wieso erzähle ich mir so was innerlich? Was soll das?
Für wen oder was mache ich das?

Nun, ich forsche mal nach, was da in mir los ist?
Ah ich suche unbewusst, was andere schlecht machen – und ich eben gut.
Hm, diese Bewertungen von gut und schlecht, die gibt es in der GfK gar nicht – die gehören zu unserem erlernten urteilenden Bewertungen – und führen unerkannt in eine gefühlsmäßige Katastrophe. Denn wenn ich andere innerlich so bewerte, erwarte oder befürchte ich unbewusst auch, dass andere mich ebenfalls innerlich bewerten, also abwerten.

Und was noch schlimmer war, ich schaute dann gar nicht danach, wie es mir geht, was für mich stimmt, sondern ich schaue automatisch und unbewusst danach, ob es anderen gefällt, was ich sage oder tue und gab dem höhere Priorität. Ich schaute mich also durch die Augen anderer an, zumindest glaubte ich das.
Oh das war ein sehr verbreitetes antrainiertes Muster von mir, das ich sicher als kleines Kind erworben habe.
Und es war ein wichtiger Schritt auf dem Weg, zu erkennen, dass das, was ich glaubte, das andere über mich denken, meine eigenen Gedanken waren. Kein anderer als ich selbst dachte sie.

Solche Muster aufzulösen braucht Zeit.
Das Muster will selbst heute noch manchmal anspringen.
Zum Glück erkenne ich es schnell und kann umschalten.

Auf welche unerfüllten Bedürfnisse weisen meine Urteile von oben mich hin?
Ich wohne in einer ruhigen Gegend. Das tut mir gut. Aber dieses Bedürfnis ist erfüllt. Und ich bin auch nicht dick – okay ein paar Kilo könnten runter. Aber das war auch nicht das unerfüllte Bedürfnis.

Offenbar hat es was damit zu tun, dass ich mich innerlich lobte.
Nun, Loben ist in der GfK auch Gewalt. Was will mir das Loben nur sagen?
Ich vermute ich brauche Wertschätzung. Oh ja, da ist was dran.
Von wem und wofür brauche ich Wertschätzung?
Irgendwie von mir. Wofür?
Dafür, dass ich so bin, wie ich bin.
Ah dann geht es mehr um Annahme, also Selbstannahme.
Und offenbar geht es darum, meine Schönheit und auch meine Unvollkommenheit anzunehmen.
Und einfach so zu sein, wie es mir gerade entspricht.
Also meine jeweiligen Bedürfnisse anzunehmen, sie ernst zu nehmen, mich um sie zu kümmern.
Hört sich gut an.

Und erwies sich als ein langer Prozess der Selbstannahme und immer neuen Selbsteinfühlung.
Immer wieder in mich hinein spüren, was jetzt in mir los ist, was jetzt wirklich passt, was jetzt wirklich getan werden will und was nicht getan werden will, was nicht passt.
Und ich habe innerlich erlebt, wo ich mich nicht getraute, zu dem zu stehen, was ich brauche, nur weil offenbar andere so was nicht brauchen und ich Angst hatte, für meine Bedürfnisse verachtet zu werden. Und es kostet mich auch manchmal heute Mut, um etwas zu bitten, wenn nur ich allein etwas anderes brauche.

Dieser Prozess der Selbstannahme hat inzwischen eine neue Qualität erreicht.
Gedanken, was andere über mich denken könnten, können mich nicht mehr erschrecken. Wie wohltuend. Zum einen erkenne ich sie als meine Gedanken, die nicht stimmen und zum anderen ist es mir ziemlich egal geworden, wenn andere negativ über mich denken.
Diese negativen Gedanken wären die Urteile anderer, die auf deren Bedürfnisse hinweisen wollen. Und wenn die anderen es wollen, schenke ich ihnen gern Empathie, um ihre Bedürfnisse dahinter zu erkennen.
Die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, ist soooo befreiend, soooo wohltuend – und urteilende Gedanken sind soooo belastend.
Da ist jeder froh, wenn er davon befreit wird oder sich selbst befreien kann.

Und dieser lange Befreiungsprozess begann vor Jahren mit Gedanken: „Wie kann man denn nur…“