Die Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, genannt „Gewaltfreie Kommunikation“ (GFK) oder „Wertschätzende Kommunikation“ ist eine Methode und innere Haltung mit der erstaunlich viel bewirkt werden kann, das weit über das hinausreicht, was viele glauben, mit Kommunikation bewirken zu können.

Heute: In Ergänzung zu Teil 7 – Wie kann so eine alte Verletzung ganz aufgelöst werden?

Im Teil 7 hatte ich folgendes Beispiel erwähnt:
Einen jungen Mann begegnete diese Situation als Erwachsener: In der Mensa setzte sich ein Fremder links neben ihn und fingerte mit dem Besteck, also mit dem Messer sehr nah vor dem Gesicht des jungen Mannes. Er fühlt sich bedroht und schmeißt als spontane Schutzreaktion das Handy des anderen in einen Teller voll Suppe. Zum Glück kannte der junge Mann GFK und brachte den Fall mit zu einem Seminar. Es stellte sich heraus, dass sein Vater, als er sehr klein war, ihn mit einem Messer bedroht hat. (Die Mutter hatte sich in der Folge von diesem Mann getrennt. Er kannte seinen Vater kaum. Die alte Situation war bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbewusst.)

Für die heutige Situation sind die entstehenden Gefühle meist völlig überzogen. Daran erkennt man auch, dass es sich um etwas Altes handeln muss. Die erste Erleichterung ist also zu erkennen: Meine unangenehmen Gefühle, hier die Panik, stammen aus dieser alten Situation. Diese Bewusstheit dazu hilft bei weiteren ähnlichen heutigen Situationen in der Ruhe zu bleiben oder diese recht schnell wiederzugewinnen.

Noch tiefer geht die Befreiung und Erlösung, wenn man sich in die alte Situation zurückversetzt.
Am Anfang ist es gut, dazu Begleitung zu haben, von jemanden, der Gewaltfreie Kommunikation gut beherrscht oder von einem Therapeuten.
Jetzt wird die Panik von damals ganz gefühlt und alle Angst möglichst ausgedrückt.
Der Begleiter kann auch in die Rolle des Vaters gehen, jetzt aber nicht so wie damals reagieren, sondern empathisch, d.h. alle Angst, alle Panik des Jungen verständnisvoll annehmen, z.B. mit den Worten: „Ja, das war für dich total beängstigend, du hattest Angst, dass dir weh getan wird oder sogar Angst, umgebracht zu werden und du hättest also jemanden gebraucht, der dich beschützt oder der dir hilft und bei dir ist.“

Das geschieht so lange, bis alle Angst und Panik sich auflösen und völlige Entspannung eintritt.

Danach schauen wir auf die andere Seite und fragen den jungen Mann:
(In der Rolle des Vaters)  „Willst du wissen, was damals bei mir war?“
(Oder in der Rolle des neutralen Begleiters): „Willst du erkunden, was damals bei deinem Vater war?“

Im ersteren Fall versetzt sich der Begleiter weiter in den Vater und bringt das zum Ausdruck, was er da fühlt.
Das trifft oft erstaunlich gut zu. Das erkennt man an der Reaktion des jungen Mannes.
Manchmal ist die Rückfrage an den jungen Mann hilfreich: „Kann das sein, dass dein Vater so empfunden hat?“

Also wörtlich könnte das so aussehen:

Begleiter als Vater: „Willst du wissen, was damals bei mir war?
Sohn: „Ja“
Vater: „Ich war völlig neben mir, völlig verzweifelt, völlig überdreht, brauchte dringend Ruhe, die ich nicht hatte. Das hat dazu geführt, dass bei mir die Sicherung durchgebrannt ist und ich dich bedroht habe. Es war eine Affektreaktion. Ich war es selbst gewohnt, in manchen Situationen bedroht zu werden. Wenn ich heute darauf schaue, bin ich richtig erschrocken über meine Reaktion von damals. Es tut mir heute sehr leid, vor allem wenn ich sehe, welche Angst dir das gemacht hat. Wie geht es dir mit meinen Worten? Beruhigen sie dich etwas?“
Meist wünschst sich der Betroffene (also hier der Sohn): „Oh es wäre so schön, wenn mein Vater das sagen könnte. Dann wäre alles für mich gut und das Verhältnis zu ihn wäre nicht mehr belastet.“

Nun ist allerdings nur der Sohn in einem GFK-Training oder Einzelsitzung, d.h. er erkennt jetzt sein Bedürfnis, mit seinem Vater wieder in eine herzliche Beziehung zu kommen, und ist jetzt selbst dafür verantwortlich den ersten Schritt dahin zu tun. Leider wünschen sich viele erwachsene Kinder, die von ihren Eltern früher verletzt wurden, dass jetzt die Eltern auf sie zukommen und Verständnis haben. Doch die haben meist die alte Situation aus ihrem Bewusstsein verbannt. Wer denkt schon gern viele Jahre an eigene Ausrutscher, Verfehlungen bzw. Dinge, die einem nicht gut gelungen sind?

Also der Sohn braucht so viel Empathie von der Begleiterin, bis er sich in der Lage fühlt, ein Gespräch mit seinem Vater zu führen. Dieses Gespräch braucht einen würdigen Rahmen, also auf keinen Fall zwischen Tür und Angel oder als Telefonat in der Pause des Fußballhalbfinales. Gut wäre ein Rahmen, der intim ist, wo beide Seiten Zeit haben und nicht sofort weglaufen können.

Und dann ist es am Sohn alles zu schildern, und wenn er kann, zuerst empathisch auf den Vater einzugehen: „Du Vater, als ich  4 Jahre alt war, da war ich mal mit dir abends allein. Ich sollte mein Abendbrot essen. Auf einmal hast du mich mit dem Messer bedroht. Die Situation weiß ich durch ein tragisches Erlebnis, das mir kürzlich passiert ist. Sie hat mich damals sehr geängstigt. Kann es sein, dass du damals total überfordert warst auf irgendeine Art völlig fertig und ärgerlich?“
Vater: „Ich weiß nicht wovon du sprichst!“
Sohn: „Aber du wirkst gerade ganz beunruhigt. Bitte erinnere dich daran, für mich ist das sehr wichtig. Es geht mir nicht darum, dich hier anzuklagen. Es geht mir darum, dass wir diese alte Situation auflösen, damit zwischen uns ein herzliches Verhältnis entstehen kann.
Also wie war das damals für dich? Hat dich da was überfordert?“

Vater: „Ach ich wünschte, ich bräuchte mir das nicht noch mal anzuschauen.
Ja ich war total überfordert und es ist mir peinlich, dass du das jetzt hochziehst. Ich habe mir ein paar Jahre richtig Vorwürfe dafür gemacht, denn deine Mutter hat davon erfahren und prompt die Scheidung eingereicht und ich durfte keinerlei Kontakt zu dir mehr haben. Das hat mir das Herz gebrochen. Und jetzt, wo du das ansprichst, kommt der ganze alte Schmerz wieder hoch.“ Tränen laufen über das Gesicht des Vaters.

Sohn sitzt mitfühlend dabei ohne was zu sagen.

Und der Sohn erzählt später, wie es ihm selbst erging mit dem Erlebnis damals und damit seinen Vater zu verlieren und auch von dem Erlebnis in der Mensa, das der Auslöser war und auch von der Begleitung, die ihm geholfen hat, zu sich zu kommen. Auch der Sohn darf noch mal alles voll fühlen, wenn es von selbst hochkommt. Sollte schon alles in der Begleitungssitzung gefühlt worden sein, dann wird er den Vater eher über sich informieren und kann mit seinem Vater mitfühlend umgehen und so kann die Beziehung zwischen beiden heilen.

Dann ist die Ursprungssituation erlöst – und hat keinen negativen Einfluss mehr auf das heutige Verhalten des Sohnes, wenn jemand sehr nah mit dem Messer bei ihm isst, ja mehr noch, auch das Verhältnis zu älteren Herren, die seinem Vater ähneln wird entspannt und frei von der alten Angst.

Ach so noch mal zur Ausgangssituation: Da unser junger Mann in der Mensa sehr überreagiert hat, ein Schaden entstanden ist, den er ja sicher auch zu tragen hatte, wäre es schön, wenn er den anderen informiert, was da so in ihm war, d.h., wenn der Andere es hören will.

Sollte so etwas in Arbeitsteams passieren, dann wäre eine erklärende Information an die andere Person, die der Auslöser für mein eigenes affekthaftes Verhalten war, für die spätere Zusammenarbeit wichtig. Darin könnte auch das Bedauern ausgedrückt werden, dass man dem Anderen im Affekt geschadet hat. Und eine Rückfrage wäre hilfreich, dazu, wie es dem anderen mit dieser Erklärung geht und ob er noch etwas anderes braucht, damit die künftige Zusammenarbeit wieder unbelastet ist.

Ja so viel steckt mitunter hinter manchem Auslöser.
Diese tiefere Klärungssitzung mit dem Begleiter braucht ca. 1 – 2 Stunden Zeit und ist in der Regel kein Thema für die Pause auf Arbeit oder ein normales Personalgespräch. Wenn man GFK beherrscht, ist sie allerdings ein wichtiger Bestandteil der Selbstklärung. So kommt man frei aus alten einengenden Mustern. Als Leiter ist es wirklich von Vorteil, solche Vorfälle für sich selbst klären zu können, denn alle unbewussten verletzenden Muster, die Sie in Ihrem Verhalten gegenüber Mitarbeitern oder anderen Partnern zeigen, haben negative Auswirkungen auf die Beziehungen und oft auf die Zusammenarbeit und die Betriebsergebnisse.
Die Klärung für andere geben Sie am besten in externe Hände in Form von Trainings oder Coachings. Das ist in dieser Tiefe nicht Ihre Aufgabe.

Das war es für heute.

Herzlichst

Gudrun Höntsch