„Du bist gemein!“
Auflösungen, Teil 1

„Du bist gemein!“
Der Satz begegnete mir völlig unerwartet vor mehr als einem Jahr.
Der Satz erinnert mich an Kinderstreite:
„Du bist gemein! Du hast alles kaputt gemacht! Du bist nicht mehr mein Freund!“
„Du bist auch gemein! Mit dir spiele ich auch nicht mehr!“

Der Satz scheint in längst vergangene Zeit zu gehören.
Und wider Erwarten sind er oder ähnliche Sätze unerkannt in mir präsent.

Da der Satz meist nicht ausgesprochen wird,
treibt er unerkannt und unbewusst sein Unwesen
bis er mir völlig unerwartet auf den Kopf zu gesagt wurde.
Er brachte mich mit einer zeitlichen Verzögerung von Monaten
innerlich in Unruhe, Wallung, Orientierungslosigkeit und
in Ratlosigkeit,
wie ich diese vergangene Situation liebevoll auflösen kann.

„Du bist gemein!“
Wer hört denn gern so was?
Und was ist wohl damit gemeint?
Eigentlich ist das völlig unklar.

Der Hörer jedenfalls kann bestenfalls erraten,
was los sein könnte,
was der Sprecher damit wohl sagen will,
welchen Unmut er wohl ausdrücken will.
Und er tappt häufig im Nebel –
oder schlimmer:
Der Hörer will sich verteidigen, sich rechtfertigen
oder fühlt sich angegriffen, abgelehnt oder gar beschämt und entwürdigt,
besonders dann, wenn der Satz laut vor anderen gesagt wird.
Und oft passiert im Nachhinein,
dass der Hörer im Gegenzug innerlich (oder offen) den Sprecher ablehnt
– ihm aus dem Weg geht, mit ihm oder ihr nichts mehr zu tun haben möchte,
um sich vor solchen Sätzen zu schützen.

Viele frühere Auflösungen mittels der GfK haben mir gezeigt,
dass so ein Satz mit dem Sprecher zu tun hat
und weniger oder nichts mit dem Hörer.
Es hat gedauert, bis ich erkannte,
dass so ein Satz in der Regel mit dem Sprecher zu tun hat
und nicht mit mir als Hörer,
denn als Kind lernte ich, mich auf solche Weise beschuldigen zu lassen,
glaubte also bei solchen Beschuldigungen,
dass ich was falsch gemacht hatte.
Und so ließ ich mir solche oder ähnliche Sätze auch als Erwachsene anhängen
oder verteidigte mich lautstark,
bevor ich GfK kannte.
Und manchmal, wenn ich nicht achtsam mit mir verbunden bin,
lasse ich mir auch heute solche Sätze anhängen.
Das Muster ist über Jahrzehnte eingeübt,
es will anspringen und bedarf Bewusstheit,
dagegen anzusteuern.

Wie geht das, dieses dagegen ansteuern?
Schau zum Sprecher!
Er macht eine Selbstaussage!

Erkunde, welche Gefühle er mit dem Satz ausdrückt.
Vermutlich solche wie: Unmut, Ärger, Enttäuschung oder sogar Überforderung.
Und diese Gefühle weisen auf mögliche Bedürfnisse beim Sprecher hin.
Welche könnten das sein?
Das hängt sehr von der Situation ab, wo der Satz gesagt wird.
Es gilt also auf die Situation zu schauen und zu erkunden,
welches Bedürfnis gerade unerfüllt sein könnte.

Bei den Kindern oben könnte es sein,
dass das Kind, das „Du bist gemein!“ als erstes sagt
vielleicht einen Turm gebaut hatte
und das andere Kind hat den Turm vielleicht versehentlich umgestoßen.
Das erste Kind war vielleicht erschrocken, traurig und enttäuscht,
weil nun alles kaputt ist.
Der Turm war eventuell Ausdruck seiner Kreativität und Erfindungsreichtums.
Es war eventuell vertieft in den Bau und erfreute sich vermutlich an dem Turmbau.
Und diese Bedürfnisse sind nun ganz plötzlich unerfüllt.

Wie kann man nun sprachlich auf den Satz „Du bist gemein!“, reagieren?
Vielleicht könnten Sie als Mutter oder Erzieherin so reagieren:
„Bist du traurig, dass dein Turm kaputt gegangen ist?
Es war so schön, daran zu bauen, nicht wahr?
Und hattest du noch weitere Ideen, wie er aussehen sollte
oder wolltest du ihn deinem Vati zeigen, wenn er kommt?“

Solch ein Mitgefühl tröstet und erlaubt dem Kind traurig zu sein –
und eröffnet danach die Kraft, den Turm noch mal neu zu bauen
oder sich entspannt einen anderen Spiel zuzuwenden.
Und es ermöglicht auch Mitgefühl für das Kind,
das versehentlich den Turm umstieß.

Es gibt noch mehr Auflösungen zu diesem Satz,
als ich anfangs vermutete.
Wenn Sie die anderen Auflösungen interessieren,
dann lesen Sie Auflösungen Teil 2 und 3