Willst du Recht haben oder glücklich sein?*
Mit Gewaltfreier Kommunikation zum Frieden finden

Kennst du solche oder ähnliche Situationen?
A:Dein Chef gibt dir mit Nachdruck eine Arbeitsanweisung, die du als sinnlos ansiehst. Oder
B:Du kommst nach Hause und dein Partner oder deine Partnerin, empfängt dich ärgerlich, z.B. mit den Worten: „Immer wenn man dich braucht, bist du nicht da!“ Oder
C: Zwei Menschen streiten sich vor deinen Augen und du stehst bedrückt und hilflos daneben. Oder
D: Du hast dich verabredet – und der oder die andere kommt und kommt nicht.

Im Alltag begegnen uns häufig Situationen, die uns herausfordern
– zum inneren Krieg und darin stecken zu bleiben oder durch den Krieg zum Frieden zu finden. Wie aber kannst du Krieg in Frieden verwandeln?

Schauen wir uns eine einfache Situation konkret an.
Du willst mit einer Freundin den Nachmittag verbringen und ihr habt vereinbart, euch um 16:00 Uhr am Bahnhof Dresden Neustadt zu treffen. Es ist 16:30 Uhr und deine Freundin kommt und kommt nicht. Sie ruft auch nicht an und deine Anrufe landen auf der Mailbox. Du spürst, wie du immer unruhiger oder ärgerlicher wirst.

Vielleicht gehen dir solche oder ähnliche Gedanken durch den Kopf:Wieso lässt sie mich warten? Ist was passiert? Die könnte wenigstens mal Bescheid sagen. Wie lange soll denn das noch gehen? Das ist jetzt schon das 3. Mal, dass sie mich warten lässt. Mensch, die ist aber unzuverlässig. Wieso machen wir überhaupt Termine aus, wenn die dann doch nicht eingehalten werden? Das nächste Mal komme ich mal so richtig zu spät, da wird sie schon merken wie das ist“ …usw.

Spürst du wie es dir bei diesen Gedanken immer schlechter geht, wie du dich in deine Wut hineinsteigerst?
Spürst du, wie deine Freude auf den gemeinsamen Nachmittag schwindet und die Wut und der innere Krieg in vollem Gange toben? Ja, du hast schon Recht, ihr hattet euch für 16:00 Uhr verabredet – und du bist da und sie nicht. Und nun? Noch mehr Krieg, noch mehr Ärger? Auf dein Rechthaben pochen, die andere kritisieren, beschuldigen, deinen Ärger über sie kippen? Das wird dann bestimmt ein „tolles“ Treffen.

Wie geht es dir in dem Moment? Tun dir dein Ärger und diese Gedanken gut?
Oder willst du aus diesem Szenario, diesem inneren Krieg und Schmerz aussteigen?
In der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) heißt es, dass die Gefühle zu dem gehören, der sie hat und dass ein anderer zwar der Auslöser, aber niemals die Ursache für meine Gefühle ist.

Deine Gefühle gehören also zu dir und sie wollen dir sagen, wie es um dich und die Erfüllung deiner Bedürfnisse steht. Hast du angenehme friedliche Gefühle, sind deine Bedürfnisse erfüllt; hast du unangenehme Gefühle, sind wichtige Bedürfnisse unerfüllt. Und es gilt herauszufinden, was gerade unerfüllt ist und wie du gut für dich sorgen kannst.
Es geht also darum, dich nach innen zu wenden und herauszufinden, warum es dir so schlecht geht, warum so viel Ärger in dir entsteht?
In der Regel entsteht Ärger, weil wir in einer Situation nicht wissen, wie wir auf erfüllende Weise mit ihr umgehen können, d.h. wir wissen nicht, was uns in dieser Situation wirklich hilft, welche unerfüllten Bedürfnisse und welche anderen Gefühle da im Untergrund wirken.
In der GfK sind Bedürfnisse das, was in der jeweiligen Situation dem Leben dient, d.h. niemanden abwertet, ins Unrecht setzt oder schadet.
Und du spürst dieses „dem Leben dienen“ an der Entspannung, an dem inneren Frieden, der automatisch entsteht, wenn du dir über das jetzt wirkende unerfüllte Bedürfnis bewusst wirst.

„Okay, dann schau ich mal nach innen:
Welche Gefühle und Bedürfnisse habe ich eigentlich in der oben beschriebenen Situation?
Hm. Mir ist langweilig, ich würde gern die Zeit sinnvoll nutzen, weiß aber grad nicht wie.“ Das erste Bedürfnis ist also Sinn, etwas tun, was Freude macht und als wertvoll erlebt wird. Dann kommt vielleicht die Idee, sich eine Zeitschrift zu kaufen und darin zu lesen. „Hm. Es ist so unbequem hier auf dem Bahnhof, zugig, kalt, laut, ungemütlich. Ich würde gern wo warten, wo es mir gefällt, wo ich mich entspannen kann und etwas Sinnvolles tun kann. Okay beim nächsten Mal treffen wir uns in einer Gaststätte und ich nehme ein Buch mit, da stört es mich nicht, wenn sich das Treffen verschiebt. Und jetzt? Ich könnte eigentlich auch jetzt in eine Gaststätte gehen und per SMS schreiben, wo ich zu finden bin. Toll diese Technik. Und ich nehme eine Gaststätte, wo ich mich auch allein wohlfühle, falls sie gar nicht kommt.“ (Hier wirkende Bedürfnisse können sein: Sinn, Entspannung, Inspiration, Wohlergehen) –
„Hm. Eigentlich wollten wir noch durch die Geschäfte bummeln und nach einer Hose für mich schauen. Das kann ich auch allein anfangen. Oh, das gefällt mir richtig gut; das ist die beste Strategie, um meine Bedürfnisse nach Sinn, Wohlergehen und Effektivität zu erfüllen.“
Und du gehst los.

Wo ist jetzt deine Wut? Verflogen, einfach weg. Du hast für dich Frieden gefunden. Das ist bewusster werden und leben im Jetzt, ganz praktisch im Alltag.
Die andere Person ist immer noch nicht da. Und wenn sie jetzt kommt, während du dir eine neue Hose kaufst, wirst du sie sicher viel freundlicher empfangen als wütend wartend auf dem Bahnhof. Und vielleicht hast du jetzt sogar ein offenes Ohr dafür, warum es ihr nicht möglich war, zum Termin zu kommen und dich 30 min lang auch nicht anzurufen.

Den Prozess, den du in diesem Beispiel durchlaufen hast, nennt man in der GfK Selbstempathie oder Selbsteinfühlung.

Wenn deine Bewusstheit zunimmt
und du realisierst, dass du oft sehr ärgerlich wirst, wenn du auf etwas oder jemanden wartest, dann kannst du dir das anschauen: „Was treibt mich denn da? Wieso gerate ich so oft in Ärger, obwohl ich schon weiß, wie ich damit konstruktiv umgehen kann?“
Dann erscheint vielleicht als Antwort: „Früher als kleines Kind haben mich meine Eltern oft allein zu Hause gelassen, und ich hatte riesengroße Angst, dass meine Eltern nicht wieder kommen.“ Diese alte Angst springt unbewusst an, wenn du warten musst.
An dieser Stelle hilft den meisten sehr, wenn sie jemand empathisch begleitet bis sich die starken Gefühle und der alte Schmerz aufgelöst haben und auch Empathie für die anderen Beteiligten, hier im Beispiel für deine Eltern, empfunden werden kann.
So entstehen Vergebung, innerer Frieden und Bewusstheit, denn jetzt kennst du diese Angst. Sie ist nun nicht mehr unbewusst und du kannst dich beruhigen, die Angst löst sich auf.

Wenn deine Bewusstheit noch mehr zunimmt, dann kannst du mehr im Jetzt bleiben. Es wird vielleicht zu deinem Bedürfnis, ganz aus dem Herzen zu leben, dich selbst und andere zu lieben, zu bejahen und alles anzuschauen und zu erfahren, was in dir lebendig wird. Du möchtest dann auch den Ärger und die Gedankenmuster, die ihn verstärken, anschauen – und den Schmerz und die Angst darunter fühlen – und nichts tun, einfach nur die Angst und den Schmerz in dir fühlen, sie durchleben – und den Frieden und die Glückseligkeit danach erfahren.
Vielleicht findest du sogar den Frieden, der entsteht, wenn du erkennst, dass alles in dein Leben kommt, wann und wie es sein soll.

Möglicherweise bist du immer noch auf dem Bahnhof Neustadt und erfüllst dein Bedürfnis nach Sinn, indem du in dein Inneres hineinspürst. Und wenn deine Freundin kommt, bist du vielleicht ein bisschen bewusster – und entspannt und innerlich glücklich und frei.

Da waren noch die Situationen A, B, C ganz oben.
Eventuell fühlst du deine Hilflosigkeit zum Wohle aller handeln zu können? Lehn sie nicht ab, sie will dir etwas Wichtiges sagen: Vielleicht hält dich deine Hilflosigkeit zurück, jetzt Dinge zu tun, die die Situation verschlimmern würden? Denn es braucht mehr GfK- Methoden als die Selbsteinfühlung, um solche Situationen so aufzulösen, dass innerer Frieden, herzliche Verbindungen und erfüllende Lösungen für alle Beteiligten entstehen. Manchmal entsteht dann der Wunsch, Gewaltfreie Kommunikation zu erlernen.

Weitere Informationen und Seminarangebote unter www.perspektivschmiede.de
Gudrun Höntsch

* ein Ausspruch von Dr. Marshall B. Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation