Zu meinem letzten Blog (Teil 4) bin ich gefragt worden:

„Wie wird der Konflikt vom Menschen verarbeitet? Wohin entlädt sich die angestaute Energie? Wann macht es Sinn die GfK nicht anzuwenden, sondern bewusst auf Konfrontationskurs zu gehen?“
Bevor ich auf die Fragen eingehe möchte ich die Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation vorstellen:

Grundannahmen der GFK

  1. Alles, was Menschen sagen oder tun, tun sie, um sich Bedürfnisse zu erfüllen.
  2. Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse, aber unterschiedliche Strategien zu deren Erfüllung. Streit und Konflikte gibt es nur auf der Strategieebene – nicht auf der Bedürfnisebene. Sobald das zurzeit unerfüllte Bedürfnis erkannt wird, tritt sofort Entspannung ein.
  3. Die Anzeiger, ob Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind, sind unsere Gefühle, sie führen uns direkt zu unseren Bedürfnissen. Kein anderer kann unsere Gefühle machen (und ist dafür nicht verantwortlich).
  4. Bedürfnisse dienen immer dem Leben. Es gibt keine negativen Bedürfnisse. (z.B. Rache ist eine Strategie, kein Bedürfnis.)
  5. Je besser wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken können, desto größer sind unsere Chancen, dass sie Erfüllung finden.
  6. Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht wahrnehmen, verwirklichen sie sich auf unbewusste und oft destruktive Art und Weise, z.B. durch Formen von Gewalt oder durch Krankheit.
  7. Je erfüllter wir selbst sind, desto mehr und lieber tragen wir zum Wohlergehen anderer bei. Es liegt in der Natur des Menschen, aus Freude heraus zu geben.

Um klar und wirksam kommunizieren zu können, ist es also wichtig, zwischen Strategien und Bedürfnissen unterscheiden zu lernen.

Was ist ein Bedürfnis?

Ein allgemeines Lebensmotiv, was in der GFK folgende Kriterien erfüllt:

  • es ist abstrakt, d.h. es sind keine konkreten Handlungen zur Erfüllung enthalten und auch kein bestimmter Ort, keine bestimmte Zeit und keine bestimmte Person.

Das sind z.B. Bedürfnisworte: Wohlergehen, Leichtigkeit, Akzeptanz, Klarheit, Entspannung, Erholung, Wirksamkeit…

  • Es ist positiv formuliert.
  • Es dient dem Leben, d.h. dass ein Bedürfnis bereichert ohne anderen zu schaden.

Und was ist eine Strategie?

Strategien sind die möglichen Wege zur Erfüllung von Bedürfnissen.

Strategien sind
konkrete Handlungen,
durch eine bestimmte Person
zu einer bestimmten Zeit
oder an einem bestimmten Ort.

Und mitunter wählen Menschen sogar negative Strategien, also Strategien, die ihnen selbst oder anderen schaden und meinen sich damit Bedürfnisse erfüllen zu können. Solche negativen Strategien sind z.B. Vorwürfe machen, andere beschuldigen, dem anderen schaden wollen, den anderen verurteilen. Leider bleibt bei solchen Strategien eine Reihe von Bedürfnissen unbewusst und unerfüllt und führt in der Folge zum Streit, zum Unbehagen oder zur Konfliktverschärfung.

Sehr weit verbreitet ist, dass man seine eigenen zurzeit unerfüllten Bedürfnisse nicht kennt und nur einen einzigen Weg weiß, der zur Erfüllung führen kann. Dann fangen viele an um diesen einen Weg zu kämpfen, ihn durchzudrücken – koste es was es wolle. So kann man weder für sich wirklich gut sorgen noch achtet man die Bedürfnisse anderer. Bei solchem Vorgehen entstehen unbehagliche Gefühle und eine Menge Frust, Ärger, Streit, Konflikte, Zerwürfnisse usw.  Oft werden die unbehaglichen Gefühle, wie z.B. Überforderung, Ohnmacht, Angst, Irritation, lange Weile… nicht gespürt, sondern erst der Ärger oder die Wut. Das heißt, der Ärger oder die Wut werden hier zum Weckruf, darunter liegende Bedürfnisse und Gefühle zu erkunden.

Und nun komme ich zu den Fragen der Leserin:

Zuerst die Frage: „Wohin entlädt sich die aufgestaute Energie?“

Antwort:
Ja, Wut und massiver Ärger sind schwer auszuhalten. Sie blockieren massiv unsere Klarheit, treiben uns oft zu Abreaktionen, mit denen wir den Konflikt verschlimmern und die wir später bereuen. Dann haben wir noch mehr wieder in Ordnung zu bringen. Und ja, wir haben in unserer Kultur gelernt, unseren Ärger Luft zu verschaffen. Die vielen negativen Folgen nehmen wir kaum oder erst danach wahr.

Wenn es schon passiert ist, dass der Ärger gewohnheitsmäßig herausgeplatzt ist, beginnt die Selbstklärung und das anschließende Wieder-in-Beziehung und in Verständigung-kommen halt danach.

Was tun, dass der Ärger nicht herausplatz und einen auch selbst nicht innerlich zerfrisst?

Wenn Sie können, suchen Sie sich einen geschützten Raum, wo Sie allein sind und lassen Sie Dampf ab bis die Energie sich abbaut. Schreien Sie ruhig laut. Hören Sie, wenn Sie können, Ihrem Ärger zu – und nehmen ihn als Ihre Wolfsshow und nicht als die Wahrheit. Danach kann man sich ja alle Gedanken, die da so herausgeplatzt sind, noch mal anschauen oder aufschreiben und sie verwandeln. Übrigens sobald Sie Ihre relevanten unerfüllten Bedürfnisse erkennen, ist der Ärger wie weggeblasen. Der Ärger ist also so etwas wie ein Weckruf, dass es für Sie wirklich an der Zeit ist, sich selbst und Ihren Bedürfnissen zuzuwenden.

Es hat also keinen Sinn, den eigenen Ärger einem anderen um die Ohren zu hauen. Dadurch wird in der Regel kein einziges Bedürfnis erkannt, und vom anderen auch nicht gehört (es sei denn er beherrscht GFK schon gut) und damit meist auch nicht erfüllt.

Wenn es mal ganz heiß ist, und man wirklich nicht mehr kann, kann man einen „Giraffenschrei“ auch in Gegenwart anderer loslassen, das heißt, ich mache meinen Ärger Luft, ohne andere zu beschuldigen, bleibe dabei ganz bei mir. Der Schrei kann wirklich sehr laut geschrien werden und er kann sich etwa so anhören: „Ich habe jetzt die Nase gestrichen voll. Ich kann nicht mehr. Irgendetwas läuft hier total schief. Ich brauch dringend eine Pause, um herauszufinden, was für mich hier nicht stimmt.“ Dieser Giraffenschrei braucht aber einige Übung, dass er gelingt – ohne zu beschuldigen.

Nächste Frage:

„Wann macht es Sinn die GfK nicht anzuwenden, sondern bewusst auf Konfrontationskurs zu gehen?“

Antwort:
Wenn man den Konflikt verschärfen will,
ansonsten ist es besser, so nicht weiter zu machen, sondern abzubrechen.

Und zu bemerken, dass ein Abbrechen des Gespräches im Moment die beste Lösung ist und dann auch abzubrechen, ist schon eine wirklich hohe Leistung in einem Konflikt, der gerade eskaliert oder unterschwellig läuft.

Nächste Frage:

„Wie wird der Konflikt vom Menschen verarbeitet?“

Indem ich mich durch Selbstempathie kläre, d.h. also die Gedankenshow (die auch Ärgershow heißen kann.) verwandle, indem ich meine echten Gefühle und Bedürfnisse erkunde. Es passieren wirklich erstaunliche Verwandlungen mit einem selbst, wenn man seine Bedürfnisse erkennt. Aller Ärger ist wie weggeblasen und man bekommt eine große Verhandlungssicherheit und Verhandlungsstärke und gleichzeitig Einfühlungsvermögen für den anderen.

Ich hoffe, ich konnte die Fragen verständlich und umfassend beantworten.

Bis zum nächsten Mal.

Gudrun Höntsch