Lieben Dank für Ihre Antworten auf meine Blogs hier bei Xing. Sie zeigen mir das nächste Thema auf, dass ich gern vorstellen möchte. Es geht heute um eine wesentliche Grundlage, auf deren Basis die Gewaltfreie Kommunikation erst gelingt – die Selbsteinfühlung.

Vielleicht haben einige von Ihnen schon einmal einen Menschen erlebt, der mit Ihnen nach GfK sprechen wollte – und es hat Ihnen gar nicht gut getan, im Gegenteil: Sie haben sich irgendwie unwohl oder auch sprachlos gefühlt. Oder Sie wollten selbst mal einer anderen Person nach dem Konzept der GFK empathisch begegnen und die andere Person hat abgewehrt.

So was passiert am Anfang schnell. Man ist begeistert, hat von der GFK gehört und will sie nun anwenden, wenn ein anderer etwas sagt, was einem nicht gefällt.

Ja und genau das wird oft übersehen: Es gefällt einem selbst nicht, was der andere sagt. Wenn das so ist, dass es einem nicht gefällt, dann ist es meist erst einmal wichtig zu erkunden, was da bei einem selbst los ist, warum einem der Ausspruch eines Anderen nicht gefällt oder oft sogar richtig antriggert. Erst danach kann man dem anderen wirklich empathisch begegnen. Nehmen wir wieder ein Beispiel, damit es anschaulicher wird.

Angenommen Sie sind Herr Schulz und sind Mitarbeiter in einem Ingenieurteam. Jeden Morgen ist für ca. 1 Stunde Teambesprechung. Als Sie ein paar Minuten nach Besprechungsbeginn ankommen, sagt einer der Mitarbeiter aus der Runde zu Ihnen: „Sie kommen schon wieder zu spät. Das ist einfach eine Unverschämtheit von Ihnen. Ständig das gleiche: Wir sitzen hier und warten auf Sie.“

Viele Anfänger glauben: „Oh das ist ein Angriffssatz. Hier benutzt einer Beschuldigungen. Der hat ein Problem. Dem gebe ich jetzt mal Empathie.“ Und dann kommt vielleicht so ein Satz aus dem eigenen Mund: „Herr Y, das ist Ihnen sicher unangenehm, dass Sie hier warten müssen, weil Sie ein Bedürfnis nach Effektivität haben, nicht wahr?“

Und Herr Y schreit Sie fast an: „Jetzt werden Sie nicht auch noch frech. Kehren Sie vor Ihrer eigenen Haustüre und vor allem kommen Sie endlich mal pünktlich!“.

Was könnte hier schief gelaufen sein?

Z.B. der Gedanke: „Der andere hat ein Problem.“

Und die Folgegedanken: „Der soll sich nicht so aufregen. Das können wir doch alles in Ruhe klären. Der ist wohl auch schon mal zu spät gekommen.“ Oder auch der innere unterschwellige Gedanke: „Ich hab hier was falsch gemacht. Ich lass die einfach warten. Kein Wunder, dass die ärgerlich sind. Ja ich gebe denen mal Empathie, mal sehen ob das mit der GFK klappt.“

Wie geht es denn nun besser?

Für Anfänger ist es gut, eventuell zunächst gar nicht nach außen zu reagieren – sondern erst einmal sich selbst zu klären. In manchen Situationen ist es sinnvoll, um den Abbruch des Gespräches zu bitten, und um einen neuen Gesprächstermin zu bitten, nachdem man sich selbst geklärt hat.

Hier in dieser Situation braucht man zunächst gar nichts sagen. Das kann später erfolgen.

Jetzt die Selbstklärung:

Ich schreibe ab jetzt alles in der Ich-Form, um diese Selbstklärung besser nachvollziehbar zu machen.

Die Gedankenshow: (Also all das, was sich in Ihnen selbst so abspielt. Am besten man schreibt sich das auf.) „Wie der sich hier aufregt, ich komm gar nicht immer zu spät. Wenn der wüsste, was ich für einen Stress früh habe, um hier pünktlich zu sein. Der hatte doch sicher auch mal 2 kleine Kinder. Und außerdem diese Teambesprechungen sind total langweilig und die ersten 10 min sind nur Gelaber. Für mich sind meist nur die letzten 3 min der Besprechung interessant, wenn die anderen sich geeinigt haben und endlich wissen, was ich für die machen soll, also welche Zuarbeiten sie heute von mir haben wollen. Und überhaupt, ich bin jeden Abend hier der letzte und telefoniere noch mit unseren Partnern in den USA und kläre mit denen Probleme. Der Y könnte wirklich auch mal Verständnis zeigen. Ja, okay es ist nicht wirklich angenehm, wenn die anderen auf mich warten. Allerdings, warum fangen sie nicht einfach an? Und ja, verdammt, das ist aber auch Mist, dass mir das passiert, mit dem Zu-spät-Kommen. Immer dieser Stress früh. Ich bin schon fertig, wenn ich hier auf Arbeit ankomme.“

So oder so ähnlich könnte die eigene Gedankenshow aussehen.

Nun geht es ans Verwandeln der Gedankenshow:

Beobachtung: Ich bin heute ca. 5 min zu spät gekommen, vorgestern 10 und letzte Woche 2mal auch 10 min. Alle anderen waren schon da. Ich sitze in der Regel fast 50 min in der Beratung und die Themen, die besprochen werden, betreffen mich kaum oder gar nicht.

Herr Y sagte vor allen zu mir: „Sie kommen schon wieder zu spät. Das ist einfach eine Unverschämtheit von Ihnen. Ständig das gleiche: Wir sitzen hier und warten auf Sie.“

Wie fühle ich mich? Welche Bedürfnisse erkenne ich dadurch?

  • es ist mir langweilig in den Sitzungen – ich möchte gern effektiv arbeiten, meine Zeit besser nutzen
  • ich bin früh total unter Druck, weil ich ein Kind in die Kita bringen muss – das würde ich gern in Ruhe erledigen
  • überhaupt bin ich früh noch nicht leistungsfähig, ich bin noch müde, weil wir zurzeit eine sehr angespannte familiäre Situation haben – möchte arbeiten, wenn ich leistungsfähig bin, tolle Ergebnisse erbringen kann und es mit meiner Familiensituation vereinbar ist
  • verletzt. Die Worte von Herrn Y zeigen eine alte Verletzung in mir auf. Ja solche Worte hab ich schon von einem Lehrer früher gehört. Da musste ich mich fügen und hab versucht pünktlich zu sein. – jetzt möchte ich dann arbeiten, wenn ich wirklich hohe Leistungen erbringen kann und vor allem Dinge tun, die sinnvoll sind.
  • Frustriert, ärgerlich. Oh der Ärger zeigt auf, dass ich hier für mich sorgen will, es nicht einfach so weiter laufen lassen.
  • Besorgt: Ja diese Art von Kommunikation besorgt mich. Wenn wir hier nur Vorwürfe austauschen, können wir Probleme, die auftreten, nicht verwandeln. Also es geht mir darum, konstruktive Lösungen zu finden, die für alle stimmen, und uns alle hochleistungsfähig sein lassen.
  • Mitgefühl: ich möchte die anderen nicht warten lassen – also eine stimmige Lösung für alle, die für unsere Arbeit wirklich funktioniert
  • Mitgefühl/ Interessiert /Verwunderung: Herr Y hat sehr aufgebracht reagiert. Irgendetwas scheint auch für ihn nicht zu stimmen. Das würde ich gern mit ihm klären.

Strategie/ Bitte

Welche Strategien könnten helfen?

  • Ich möchte gern ca. 45 min später als bisher anfangen, da komm ich ausgeruht und voll leistungsfähig auf Arbeit
  • Ich möchte nur kurz an den Teambesprechungen teilnehmen
  • Ich möchte den Chef fragen, ob das möglich ist.
  • Ich werde mit Herrn Y reden und ihm sagen, was mir seine Intervention (also sein Ausspruch zu mir in der Beratung) gebracht hat und ihn anschließend fragen, ob ihn vielleicht die Teamberatungen auch frustrieren, weil sie ihm zu lange dauern und er sich mehr Effektivität wünscht.

Merken Sie, dass das Gespräch jetzt nach der Selbstklärung völlig andere Inhalte bekommt, als wenn man schnell aber ungeklärt scheinbar empathisch auf andere reagiert? Echte Empathie kommt vom Herzen, und das will erst einmal gehört werden.

Bis zum nächsten Mal.
Gudrun Höntsch