In loser Folge stelle ich hier die Wertschätzende bzw. Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Rosenberg vor, die so erfolgreich ist, weil sie unserer wahren Natur entspricht und uns erkennen und ausdrücken lässt, was wir wirklich brauchen und erreichen wollen.

Heute verwandeln wir: „Deine Worte haben mich verletzt.“

Ja es gibt viele Situationen im Berufsalltag und vielleicht noch mehr im privaten Umfeld, wo die Worte, die ein anderer sagt, uns zu verletzen scheinen. Und schon ist unserer innerer Wolf in Aktion: Jetzt endlich, denkt er, hat er Recht und diese GFK (Gewaltfreie Kommunikation) stimmt doch nicht. Denn der Andere hat mich verletzt mit seinen Worten. Ich war es nicht. Er hat Schuld.

Und schon stecken wir mitten in der Wolfsshow (Gedankenshow) und projizieren all unsere schmerzlichen und ärgerlichen Gedanken auf den anderen. Und wollen natürlich eine Entschuldigung, eine Wiedergutmachung oder wir fangen an, den anderen zu beurteilen oder zu verurteilen und notfalls, wenn das alles nicht hilft, brechen wir halt den Kontakt zum anderen ab. Das sind dann die Fälle im Berufsleben, wo es richtig schwer wird mit der Zusammenarbeit. So arbeitet Herr Müller auf keinen Fall mehr mit Frau Schwarz zusammen, nicht in einem Projekt und schon gar nicht in einem Zimmer. Und sollten sie es auf Anweisung der Chefin doch tun müssen, na dann ist er halt kurz angebunden oder findet lauter Fehler, die Frau Schwarz so macht. Und am Ende macht Frau Schwarz aus Angst wirklich Fehler. Oder Herrn Müller passieren am laufenden Band Fehler aus Angst, den vermeintlichen Ansprüchen von Frau Schwarz nicht zu genügen.

Im privaten Umfeld gibt es ganze Familienkriege oder man hat jahrelang keinen Kontakt, nur weil irgendwann jemand etwas gesagt hat, dass einen selbst verletzt hat (so meint man). Und da wir denken gelernt haben, dass die Worte eines anderen uns verletzen können, fühlt es sich auch so an.

Durch diesen Gedanken: „Der oder die andere hat mich verletzt“, fühlt man sich also im Recht und vor allem moralisch überlegen. Der andere soll auf eine Art Buße tun. Was er meist nicht macht. Denn oft weiß er nicht einmal irgendetwas von dem Schmerz oder von der Verletzung, die ausgelöst wurde.

Ich drücke es mit Absicht so aus: „Der andere weiß nichts von der Verletzung, die ausgelöst wurde. Das heißt, es wurde eine alte Verletzung getriggert und ausgelöst, doch diese alte Verletzung wird in der Regel nicht bewusst, dem Verletzten nicht – und dem anderen auch nicht.

Auf Arbeit wird meist nicht mal mit der betreffenden Person drüber gesprochen. Stattdessen redet man gern mit Dritten darüber, wie unmöglich Frau Schwarz sich verhalten hat, wie sehr sie einen verletzt hat, was die sich herausnimmt, so mit einem zu reden. „Ist dir das auch schon mal passiert mit der?“ Die freiwilligen oder unfreiwilligen Zuhörer haben meist auch keine Ahnung, wie sie mit diesen Negativ-Aussagen über Frau Schwarz umgehen sollen. Viele schweigen. Andere, die vielleicht mal ein ähnliches Erlebnis hatten, stimmen zu. Die, die sagen, dass Frau Schwarz doch ganz in Ordnung ist, werden kaum gehört. So weitet sich die Verstimmung, der Konflikt aus.

Wie nun anders damit umgehen?

Sie ahnen es sicher schon. Wir brauchen wieder eine konkrete Situation:

In einer Dienstberatung, wo mehrere Abteilungsleiter zusammen sitzen, wird Herrn Müller von Frau Schwarz eine Frage zu seiner Abteilung gestellt. Herr Müller meint: „Das weiß ich nicht.“ Und Frau Schwarz antwortet: „Das müssten Sie als Abteilungsleiter aber wissen.“ Dieser Satz schlägt ein. Nicht dass Herr Müller noch etwas erwidern kann, nein, er ist innerlich verletzt und nach außen sprachlos.

Verletzt Sie als Leser dieser Satz von Frau Schwarz auch?

Mich nicht. Für mich wäre es also nicht schlimm, wenn Frau Schwarz so was sagt. Ich habe nicht den Anspruch, alles wissen zu müssen, was in meiner Abteilung läuft. Da ich nicht verletzt bin,  hätte ich Frau Schwarz sogar empathisch (also einfühlsam) begegnen können. (z.B. wenn ich spüre, dass Frau Schwarz den Satz vorwurfsvoll gesagt hat.) Vielleich t mit diesen Worten: „Kann es sein, dass Sie diese Information dringend benötigen, weil Sie mit diesem Thema gern vorankommen wollen und heute, wo wir uns als Leiter treffen, hätten Sie das gern gelöst und vom Tisch gehabt?“ Frau Schwarz: „Ja, das ist wirklich dringend. Ich brauche eine Zuarbeit aus Ihrer Abteilung.“ Ich: „Herr Schubert ist dafür ständig. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie auf ihn zukommen und er sich Zeit für Sie nimmt. Reicht Ihnen eine halbe Stunde Gespräch, um das Thema zu klären?“. Und schon ist das Thema vom Tisch.

Nicht so für Herrn Müller, denn er fühlt sich verletzt. Und er ist auch verletzt – nur eben nicht von Frau Schwarz. Frau Schwarz war nur der Auslöser, also die Person, die etwas gesagt hat. Die Verletzung lebte im Herrn Müller schon lange innerlich.

Ja, so spielt das Leben: Die Verletzung wartet über viele Jahre im Inneren, bis sie endlich erlöst werden kann. Die meisten Verletzungen stammen aus unserer Kindheit, wo wir Situationen erlebten, die wir nicht verstehen konnten und uns unseren eigenen Reim drauf gemacht haben – oder wo wir auf eine Art behandelt wurden, die unsere Bedürfnisse übergangen oder uns sogar geschadet hat – und wir konnten uns vor diesem Schaden nicht schützen oder haben niemanden gefunden, der uns aus dieser Situation befreit hat oder wenigstens beigestanden hat, so dass unser Leid da sein durfte und wir es hätten verarbeiten können.

Diese Verarbeitung will nachgeholt werden, wenn wir erwachsen sind und damit einen anderen Blick darauf haben könnten. Solche alten Verletzungen tragen die meisten Menschen in sich. Ich kenne keine Person ohne diese inneren Verletzungen. Allerdings wissen viele nicht, dass es diese alten Situationen sind, die erlöst werden wollen und sie wissen nicht, wie sie diese alten Situationen erlösen können.

Also dieses Sich-verletzt-fühlen als Erwachsener weist in der Regel auf eine alte Verletzung aus der Kindheit hin. Vielen Menschen fallen auf Nachfrage auch sofort eine oder mehrere Situationen aus der Kindheit ein, wo sie sich so gefühlt haben.

Und genau hier ist der Schlüssel raus aus der Verletzung: Die alte Kindheitssituation muss angeschaut werden.

Hier ein krasses Beispiel, um das zu verdeutlichen: Einen jungen Mann begegnete diese Situation als Erwachsener: In der Mensa setzte sich ein Fremder links neben ihn und fingerte mit dem Besteck, also mit dem Messer sehr nah vor dem Gesicht des jungen Mannes. Er fühlt sich bedroht und schmeißt als spontane Schutzreaktion das Handy des anderen in einen Teller voll Suppe. Zum Glück kannte der junge Mann GFK und brachte den Fall mit zu einem Seminar. Es stellte sich heraus, dass sein Vater, als er sehr klein war, ihn mit einem Messer bedroht hat. (Die Mutter hatte sich in der Folge von diesem Mann getrennt. Er kannte seinen Vater kaum. Die alte Situation war bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbewusst.) Zur Auflösung müssen jetzt die alten Kindheitsgefühle (noch einmal) gefühlt werden – und später ist es meist erlösend, sich auch in die Sitaution des Erwachsenen (hier des Vaters) einzufühlen.

In unserem beruflichen Beispiel kann die alte Situation nicht ganz so leicht zu finden sein. Vielleicht wurde Herr Müller als Kind für gute Leistungen gelobt und bezieht jetzt sein Selbstwertgefühl aus Bestätigungen für gute Leistungen. Und wenn er dann nicht gelobt wird, sondern ein anderer mit seiner Leistung sogar unzufrieden ist, dann fühlt er sich unwohl und die alte Verletzung wird getriggert. Manche Kinder werden ja für schlechte Schulnoten regelrecht runtergemacht zu Hause, haben oft eine große Versagensangst entwickelt, ja betrachten sich als minderwertig und inkompetent.

Vielleicht kann Herr Müller jetzt einen alten Glaubenssatz erkennen: „Nur wenn ich alles weiß, was ich gefragt werde, werde ich geachtet und geliebt. Dann bin ich anerkannt, gleichwertig, bin der Gute.“ Wie dumm der Satz ist, ist als Erwachsener leicht zu erkennen, aber eben nur wenn wir uns über diesen Glaubenssatz bewusst werden. Sonst bestimmt er unser Verhalten – ohne dass wir es merken, und zwar solange, bis es eben knallt und irgendeine Person auf uns zukommen und sagt: „Das müssten Sie doch wissen.“

Solche oder ähnliche Urteile (Glaubenssätze) über uns selbst tragen wir auch als Erwachsene in uns – bis wir sie erkennen und die Situationen in der Kindheit, wo diese Urteile über uns selbst entstanden sind, auflösen.

Um im Berufsalltag solche Situationen, wie diese, wo so alte Verletzungen und Glaubenssätze getriggert werden, auflösen zu können, braucht es schon einige Zeit der Beschäftigung mit der GFK. Und oft fehlt die Zeit solche Gespräche bis zur Auflösung zu führen.

Oft ist es sinnvoll, Personen, die schnell verletzt reagieren, in ein GFK-Seminar zu schicken. Manchmal kann es hilfreich sein, ein Teamtraining zu organisieren, sodass die Teammitglieder die Methoden der Auflösung solcher Verletzungen kennen und sich nicht ständig untereinander beschuldigen, kritisieren oder abwerten. Sehr oft finden Menschen in GFK- Seminaren endlich einen Weg aus vielen inneren Nöten, aus erlernten verletzenden Denkmustern und einen Weg sich konstruktiv und klar auszudrücken und anderen verständnisvoll zu begegnen.

Bis zum nächsten Mal.

Herzlichst

Gudrun Höntsch